2 | 21 M it dem Klimawandel wer- den t ropi sche Mosk itos zunehmend heimisch in Deutschland und verbreiten gefährliche Krankheitserreger. Auch hie- sige Mücken sind mittlerweile Überträger. Noch ist die Zahl der registrierten Fälle ge- ring, doch Experten rechnen in den nächs- ten Jahren mit einem rapiden Anstieg. Das West-Nil-Virus hat sich in der Gegend um Leipzig, Halle und im südlichen Branden- burg bereits ausgebreitet. Einen Impf- schutz gibt es nicht – ebenso wenig gegen Zika, Dengue oder Malaria, die schon ver- einzelt in Südeuropa auftreten. Die Gefahr von Zoonosen, also von Krankheitserregern, die vom Tier auf den Menschen überspringen, steigt. Das »Glo- bal Virome Project«, eine internationale Forschungsinitiative, schätzt, dass es mo- mentan etwa 1,6 Millionen verschiedene Viren gibt, die in Säugetieren und Vögeln zirkulieren. Davon sollen etwa 700 000 das Potenzial haben, Menschen zu infizieren. Nicht alle werden von Mensch zu Mensch weitergegeben, machen krank oder kön- nen sogar töten. Trotzdem: Corona wird kein Einzelfall bleiben, da sind sich die Fachleute einig. »Wenn wir Pandemien in Zukunft wir- kungsvoll bekämpfen wollen, müssen wir in der Vakzin-Herstellung wesentlich schneller werden«, sagt Prof. Holger Ziehr, Bereichsleiter Pharmazeutische Biotech- nologie am Fraunhofer-Institut für Toxi- kologie und Experimentelle Medizin ITEM. Er koordiniert das instituts- und fächer- übergreifende Forschungskonsortium »Fraunhofer Vaccine Technologies«, das sich als Reaktion auf die Corona-Pandemie gebildet hat. Hier arbeiten Impfstoff- Experten, Bioverfahrenstechniker, Pro- duktionsingenieure und Verpackungsspe- zialisten daran, Impfstoffe schneller ver- fügbar zu machen – wie entscheidend das ist, haben die Monate der Pandemie gezeigt. Dafür wollen sie Vakzin-Kandidaten zügig in die klinische Prüfung bringen, Techno- logieplattformen entwickeln und vorhal- ten, Fertigung und Verpackung optimieren und massentauglich machen. Weltweit wurden Impfstoffentwick- lung und -produktion seit Jahrzehnten vernachlässigt. Herstellungstechnologien für klassische Totimpfstoffe haben sich seit den 1940er-Jahren kaum verändert, weil sich damit zu wenig Geld verdienen ließ. »Das Bewusstsein für ihre Bedeutung ist infolge der Corona-Pandemie deutlich ge- wachsen«, beobachtet Dr. Sebastian Ulbert, Leiter des Forschungsbereichs Infektions- pathologie am Fraunhofer-Institut für Zell- therapie und Immunologie IZI in Leipzig. Der Virologe und Experte für Zoonosen ist zusammen mit Ziehr einer der Initiatoren von »Fraunhofer Vaccine Technologies«. »SARS-CoV-2 war der Idealfall. Schneller geht es nicht.« Dr. Sebastian Ulbert, Leiter des Forschungsbereichs Infektionspathologie am Fraunhofer IZI »Bei Covid-19«, so erklärt Ulbert, »hatten wir Glück.« Viele günstige Voraussetzun- gen seien zusammengetroffen, die eine schnelle Impfstoffentwicklung ermög- licht haben: Es gab Erkenntnisse und Vor- arbeiten zu den verwandten Coronaviren SARS-CoV-1 und MERS. Das Antigen, das eine schützende Immunreaktion im Kör- per auslöst, war bereits identifiziert. Auch Infektionsmodelle zur Impfstofftestung standen zur Verfügung. »SARS-CoV-2 war der Idealfall. Schneller geht es nicht«, ist er überzeugt. Normalerweise dauert es mehrere Jah- re, um einen vielversprechenden Impfstoff- Kandidaten zu finden – Zeit, die man in einer Epidemie oder Pandemie nicht hat. Deshalb ist es entscheidend, mögliche Kan- didaten für potenzielle Erreger schon zu identifizieren, bevor sie in großen Mengen benötigt werden. Für das West-Nil-Virus ist Ulbert und seinem Team das bereits gelungen. Er- krankte leiden häufig an hohem Fieber, Erbrechen, Durchfall, Erschöpfung, Glie- derschmerzen. In seltenen Fällen kann es auch zu Gehirn- oder Hirnhautentzündun- gen kommen – wie bei FSME, das zur glei- chen Virusfamilie gehört. Im Unterschied zu FSME wird das West-Nil-Virus jedoch nicht durch Zecken, sondern von der Ge- meinen Hausmücke übertragen. In Leipzig mussten vergangenen Sommer elf Patien- ten mit schweren Verläufen stationär be- handelt werden. »Bevor sich das Virus in Deutschland weiter verbreitet – und das wird es sicher tun –, ist es wichtig, einen Impfstoff zu haben, zumal man sich vor Mückensti- chen ungleich schwieriger schützen kann als vor Zeckenbissen«, warnt Ulbert. Jetzt ist er auf der Suche nach Partnern aus der Industrie, um mit seinem Impfstoff-Kan- didaten klinische Studien durchführen zu können. Auch Ziehr und sein Team am Fraun- hofer ITEM konnten bereits einen Erfolg verbuchen: Durch eine Abkürzung des üb- lichen Verfahrens gelang es ihnen, einen Antikörper-Wirkstoff gegen Covid-19 in- nerhalb von sechs Monaten anstatt der üblichen zwei Jahre von der präklinischen in die klinische Phase zu bringen. Der so- genannte Passivimpfstoff soll das Immun- system schwer erkrankter Patienten mit extern produzierten Antikörpern im Kampf gegen SARS-CoV-2 unterstützen. »Auch Virus-Proteine für konventionelle Impf- stoffe wären so problemlos schneller her- zustellen«, sagt Ziehr. Die Lösung: Er und sein Team vermehrten nicht den Klon, al- so die mühsam identifizierte Zelle, die den Antikörper am besten herstellt, sondern einen ganzen Zellpool, der diese Arbeit ebenfalls erledigt – auch wenn hier die einzelne Zelle vielleicht weniger produk- tiv ist. »Wir hatten in einem vorangegan- genen Projekt festgestellt, dass die aus dem Klon hervorgegangenen Zellen nach vielen Teilungen nicht mehr völlig identisch wa- ren. Offenbar waren dabei Fehler passiert«, erklärt Ziehr. Daher stellte sich die Frage: 31 e n i l n o 1 F / y m a A l : s o t o F